Montag, 3. Oktober 2016

Das Schiffsunglück der 'General Slocum' im Jahr 1904

Mittwoch, 15.06.1904

Der blaue Himmel strahlt über New York und dem East River, an dessen Ausflugspier an der East Third Street sich bereits in den frühen Morgenstunden Hunderte von Menschen versammelt haben. Die Stimmung ist gut, aufgeregtes Geschnatter und tobende Kinder zwischen Picknickkörben geben ein für einen Mittwochvormittag ungewohntes Bild ab. Alle warten darauf, auf den Ausflugsdampfer 'General Slocum' gelassen zu werden. Um 8.30 Uhr ist es so weit: Hunderte Frauen und Kinder und einige Männer betreten die Gangway, wo sie an Bord des Schiffes von Pastor Haas und seinem Kollegen George Schultze aus Pennsylvania einzeln begrüßt werden.

Um 9.45 Uhr, mit dem Einfahren der Gangway und dem Ablegen des Schiffes, startet der siebzehnte Jahresabschluss-Ausflug der Sonntagsschule der Kirchengemeinde St. Marks aus Little Germany, New York. Über eintausenddreihundert Menschen befinden sich an Bord des drei Decks umfassenden Raddampfers. Die meisten von ihnen sind Frauen und Kinder. In ihre Sonntagsgarderobe gehüllt, winken sie den am Ufer stehenden Ehemännern und Vätern zu, die es sich nicht leisten können, einen Tag Urlaub zu nehmen.

Der majestätische Raddampfer soll die Ausflügler nach Locust Grove am Long Island Sound bringen, wo ein strahlender Sonnentag mit Picknick, Spiel und Tanz auf dem Programm steht. Für die musikalische Unterhaltung bereits während der Fahrt dorthin sorgt die deutsche Musikkapelle um George Maurer.

Die Route führt an der gerade wachsenden, unverwechselbar für New York stehenden Scyline aus Wolkenkratzern vorbei. Auf der Höhe von Queens, bei den Wards Islands, wartet noch eine schwierige Passage auf das Schiff. Es geht durch die als 'Hell Gate" bezeichnete Passage des East Rivers mit zahlreichen Untiefen und Strömungen. Doch Kapitän Van Schaick ist ein erfahrener Mann, der bisher kaum Unfälle und noch keinen einzigen toten Passagier zu beklagen hat.
Das sollte sich mit dem heutigen Tag ändern.

Hell Gate war fast passiert, als im Lampenraum unter Deck des Schiffes ein Feuer ausbricht. Ein kleiner Junge ist der erste, der es bemerkt. Er rennt hoch zum Ruderhaus, wo Kapitän Van Schaick zusammen mit den Steuermännern Van Wart und Weaver das Schiff konzentriert durch die letzten Untiefen und Querströmungen manövrieren. Fatalerweise glaubt Van Schaick an einen Scherz des Jungen und weist ihn brüsk ab. Scherze dieser Art sind sehr gefürchtet, kann doch alleine der Ausruf "Feuer" zu einer nicht mehr zu kontrollierenden Panik führen. Und das bei über eintausenddreihundert Menschen an Bord ...
Doch es handelt sich um keinen Scherz. Während Van Schaick sich weiter auf die Durchfahrt von Hell Gate konzentriert, stellt der Matrose John Coakley sein Bier, das er soeben an der Bar des Salons genießt, zur Seite und folgt dem Jungen, der ihm die Nachricht überbringt, von der auch er hofft, dass sie ein dummer-Jungen-Streich ist.

Coakley entdeckt, dass der Junge die Wahrheit gesagte hat. Er startet mit Löschversuchen mit Hilfe eines Segeltuches. Dies ist jedoch am Boden festgemacht. Er findet einen Sack Holzkohle und wirft ihn über die Feuerstelle.
Für einen Moment ersticken die Flammen. Coakley geht raus und sucht den Ersten Offizier Flanagan. Fatalerweise lässt er die Tür offen, sodass frischer Sauerstoff an das Feuer gelangen kann,
Sicher wäre es gut gewesen, die Mannschaft wäre für Katastrophenfälle ausgebildet worden. Doch diese Mannschaft hatte nicht die leiseste Ahnung davon, was zu tun ist. Das einzige, was sie schaffen, ist, sich selbst zu retten. Bezeichnenderweise ist lediglich ein Mannschaftsmitglied gestorben - mit dem Hartgeld der Tageseinnahmen in den Taschen.

Erste zaghafte Versuche der Mannschaft, den Brand zu löschen, gehen schief, da die Löschschläuche marode und brüchig sind. Das Wasser kommt nicht vorne an, es sickert durch zahlreiche Löcher bereits vorher an Deck. Die Mannschaft gibt schnell auf.
Auch bei den Rettungsbooten ist man erfolglos. Da die General Slocum jedes Jahr einmal gestrichen wird, um einen schicken und soliden Eindruck zu machen, man dabei aber darauf verzichtet, die Rettungsboote vorher abzuseilen und hinterher wieder in ihre Verankerungen zu bringen, werden sie jährlich samt Verankerung mitgestrichen. Das hat zur Folge, dass sie sich aus ihren Davits nicht mehr lösen lassen. Sie sind festlackiert.

Während also einige Menschen verzweifelt versuchen, die Rettungsboote herabzulassen, suchen andere Passagiere ihr Glück bei den Rettungswesten. Es ist nicht einfach, sie aus den Netzen zu befreien. Doch schließlich schaffen sie es und die Westen fallen zu Boden.
In dem festen Glauben, wenigstens ihre Jüngsten retten zu können, binden die Mütter den Kleinsten hastig die Westen um, heben sie über die Reling und mit einem letzten verzweifelten Gebet lassen sie sie los. Ihre Liebsten durchbrechen die Wasseroberfläche und tauchen nie wieder auf. Der Kork in den Rettungswesten ist alt und brüchig. In diesem Zustand schwimmt er nicht mehr locker auf der Wasseroberfläche, sondern saugt sich rasend schnell mit Wasser voll und zieht den Träger tief auf den Grund des Flusses.

Glück haben diejenigen, die es schaffen, auf eines der der General Slocum hinterereilenden Boote zu springen. Wer im Wasser landet und schwimmen kann, ist noch längst nicht außer Gefahr. George Maurer zum Beispiel, der Namensgeber der Musikkapelle, findet man später mit eingedrücktem Schädel, wahrscheinlich ist er von einem spitzen Schuh getroffen worden. So ergeht es vielen. Und wer es schafft, nicht von herabfallenden Menschen k.o.-geschlagen zu werden, der hat im Wasser zu kämpfen. Von überall her greifen Hände, schlagen Fäuste, drücken Arme diejenigen unter Wasser, die den Anschein machen, als können sie sich über Wasser halten. Denn in der Not denken wir nicht darüber nach, ob wir vielleicht jemanden ertränken, wenn wir ihn unter Wasser drücken. Wir suchen Halt und ergreifen alles, was in unserer Nähe ist.

An diesem Tag verliert das Viertel "Little Germany" über tausend Einwohner. Und es wird weiter schrumpfen. Viele halten es dort nicht mehr aus und ziehen weg. Zu sehr erinnern die Lücken, die das Unglück in die Bevölkerung gerissen hat, an die Menschen, die nie mehr dort durch die Straßen wandeln werden. Für manche ist der Schmerz so groß, dass sie nur noch den Ausweg Suizid sehen.
Und so gibt es heute in New York keinen Stadtteil mehr, der sich "Little Germany" nennt.
Seit ich von diesem Unglück erfahren habe, denke ich, dass die Einwohner es verdienen, dass man sich wieder an sie erinnert.



In "Die Prophezeiung. Das Inferno von Little Germany, New York" habe ich versucht, ihnen ein Stückchen weit wieder Leben einzuhauchen und die Erinnerung an sie und ihr tragisches Ende wachzuhalten. Denn die Erinnerung lässt sie weiterleben. Auch wenn es sich bei der Geschichte größtenteils um erfundene Personen handelt, stehen sie doch beispielhaft für ein Leben aus der Zeit aus dem Viertel.

Meine Informationen hier in dem Bericht und auch viele Darstellungen im Buch habe ich dem Sachbuch "Ship Ablaze" von Edward T. O'Donnell (deutsch: Der Ausflug) entnommen. Ein sehr empfehlenswertes Werk, wenn man sich näher mit dem Unglück auseinandersetzen möchte.