Die Senioren-Soko: Quacksalberalarm - Leseprobe

 

Drei Tote und ein paar Hinweise

Das kleine Tischchen war mit einer Kerze und einer zarten Rose in einer Vase dekoriert. Links daneben hatte Carsten bereits ein zweites Möbelstück gestellt. Auf diesem lagen die Kondolenzbücher für Hubert Gabelberger und Manfred Bach. Das dritte Buch, in das Elfriede sich soeben eintrug und das für Elisabeth Dauner war, lag auf einer Anrichte. Hinter den Büchern standen die schwarzen Bilderrahmen, durch deren Glasscheibe man die Namen der Verstorbenen und einen Spruch lesen konnte. Auch ihre Gesichter waren dort abgebildet, sodass man das Gefühl hatte, sie lächelten einem entgegen.
Doch sie lächelten nicht mehr. Die Elisabeth hatte man gerade in die Erde einfahren lassen. Einige der Bewohner des Seniorenheims ›Sonnenstube‹ waren zugegen gewesen, um ihr einen letzten Gruß zu schenken.
Jetzt standen Elfriede, Bruno, Anton, Gerda und Brunhilde vor den Gedenktischchen für die Verstorbenen und blickten wahlweise in die Flamme der kleinen elektrischen Kerze in der Glaslaterne, auf die Bilder oder auf die bereits gesammelten Unterschriften.
»Der Griese hat bei der Lisbeth noch gar nicht unterschrieben«, monierte Brunhilde soeben.
»Der ist gerade im Urlaub«, wusste Elfriede über den Pflegedienstleiter zu berichten, während Gerda nur den Kopf schüttelte und immer wieder »drei innerhalb von drei Tagen« vor sich hinmurmelte. Kurz sah sie auf und blickte zu den anderen. »Wenn das so weitergeht …« Ihr Doppelkinn schwankte ein wenig hin und her, als sie ihren Hals in alle Richtungen drehte, um jeden ihrer hier versammelten Freunde mit geweiteten Augen anzublicken. Da sie im Rollstuhl saß, musste sie insbesondere bei dem langen Bruno ihren Kopf mit einem guten Winkel in den Nacken legen.
Brunos Hand senkte sich tröstend auf ihre Schulter. Ihm fiel es nicht leicht, einfühlsame Worte zu finden. Und während er noch nachdachte, was nun sprachlich angemessen wäre, grätschte Anton ihm dazwischen.
»Wieso ›wenn das so weitergeht‹?«, sagte er an Gerda gewandt. »Das wird so weitergehen. Wir wissen nur nicht, in welchen zeitlichen Abständen es geschehen wird.«
»Anton.« Brunhilde boxte ihm unwirsch in die Seite.
»Wieso? Stimmt doch. Jeder von uns ist mal dran, hier auf diesem Tisch sein Konterfei zu zeigen. Wir wissen nur nicht wann.«
»Na, wir nehmen doch mal an, dass es noch eine Weile dauert«, wollte Elfriede Gerda zu Hilfe eilen und auch Brunhilde hatte Argumente, die bezeugten, dass ihre Todesdaten noch ein wenig auf sich warten lassen würden.
»Der Hubert«, sagte sie, »der hat geraucht wie ein Schlot.«
»Stimmt.« Die anderen nickten.
»Und der Manfred. Hatte der nicht ein Alkoholproblem?«
»Wirklich?« Gerda schaute sich in der Runde um. In ihr schien Hoffnung aufzukeimen, dass dieser Kelch an ihr – zumindest vorerst noch – vorübergehen würde. Es war schon eine Zeit lang her, seit sie den letzten Alkohol getrunken hatte.
»Ich glaube schon.« Brunhilde nickte.
»Ja, dann …« Gerdas Gesicht entspannte sich.
»Mangelnde Bewegung«, schmetterte Bruno da in den Raum. Alle schauten ihn an. »Ja«, sagte er. »Mangelnde Bewegung führt nicht nur zu einem früheren Tod, sondern auch zu vielen Schmerzen. Der Muskeln, der Gelenke, der …«
»Ich kann mich nicht wirklich viel bewegen«, monierte Gerda und deutete auf ihren Rollstuhl.
»Essen«, führte Bruno weiter aus, ohne auf Gerdas Einwand einzugehen.
»Wie jetzt ›Essen‹?«
»Du bist, was du isst. Und nur wer sich gesund ernährt, erhält auch einen gesunden Körper und ein langes Leben.«
»Ich bin raus.« Enttäuscht ließ Gerda ihren Kopf hängen. Ihr Kinn zog sich in ihren speckigen Hals zurück. »Dabei habe ich mir noch nicht einmal meinen Kindheitstraum erfüllt.«
»Was denn für einen Kindheitstraum?« Neugierig rückte Brunhilde etwas näher an Gerda heran. Doch Gerda blickte nur auf die Hände in ihrem Schoß und antwortete nicht. Schließlich wandte Brunhilde sich an Bruno. »Selbst in der Hand. So’n Quatsch«, sprach sie ihn an. »Der da oben entscheidet, wann es so weit ist.« Sie reckte ihren Arm Richtung Decke. Die Blicke der anderen folgten.
»Der Griese?«, fragte Gerda, da der Pflegedienstleiter oben im ersten Stock sein Büro hatte.
»Gerda.« Brunhilde schüttelte den Kopf. »Ich meinte natürlich den lieben Gott.«
»Ach so.«
»Na, ich weiß nicht.« Elfriede, die in gewisser Weise doch auch daran glaubte, dass der Mensch es ein wenig selbst in der Hand hatte, unterstützte eher Brunos These. Und wenn doch der da oben entschied: Wonach richtete er sich dann? Ließ er jeden Tag ein paar Würfel rollen? Oder wonach ging er?

*

Gerda rollte durch den Flur auf Brunos Zimmer zu. Die Zeiger der großen Uhr an der Wand zeigten halb zwei. Sie war mit Bruno verabredet. Neuerdings gingen sie häufiger miteinander spazieren. Nun ja, Bruno ging spazieren und schob Gerda vor sich her. Oder vielmehr konnte man sagen: Bruno sauste in Trainingssachen in rekordverdächtigem Tempo durch die Landschaft und Gerda genoss den Fahrtwind. Zum Schluss studierte er stets seine Uhr und erzählte Gerda voller Stolz wie viele Schritte sie in welcher Zeit und in welchem Tempo geschafft hatten. Gerda nickte anerkennend und fand lobende Worte. Hätte man sie jedoch fünf Minuten später gefragt, wie lange und mit wie vielen Schritten sie denn unterwegs gewesen seien, so hätte sie das nicht sagen können. Solche Zahlen konnte sie sich nicht merken, die interessierten sie nicht. Sie rollte ja auch nur.

Doch sie hatte das Gefühl, sich auch andere Zahlen nicht gut merken zu können. Uhrzeiten zum Beispiel. Gerade jetzt fing sie bezüglich der Zahlen auf dem Zifferblatt an der Wanduhr an zu zweifeln. Waren sie wirklich um 13.30 Uhr verabredet? Das war ja noch mitten in der Mittagsschlafzeit. Brachen sie nicht eigentlich immer um 14.30 Uhr zu ihrem Spaziergang auf? Gerdas Hände griffen an die Räder ihres Gefährtes und brachten es zum Stillstand. Genau in diesem Augenblick kam eine Person um die Ecke und steuerte direkt auf Brunos Zimmertür zu. Die Frau klopfte zweimal, dann trat sie ein.
Nanu? Wer war das denn? Seit wann bekam Bruno Besuch? Damenbesuch. Jungen Damenbesuch. Zur besten Mittagsschlafenszeit.
Neugierig rollte Gerda näher. Ehe sie es sich versah, stand ihr Rollstuhl vor Brunos Tür und ihr Oberkörper schob sich nah an das Türblatt. Eine fremde Frauenstimme drang an ihr Ohr. Gerda verstand nicht, was sie sagte, denn sie sprach sehr leise. Doch jetzt setzte Bruno zu einer Antwort an. Und die hatte es in sich. Seine militärisch strenge Stimme drang direkt zu Gerda durch und verursachte eine mittelschwere Schnappatmung.
»Das kann ich nicht machen«, sagte er, »die werden mich umbringen.«
Umbringen? Was sollte das heißen? War ihr guter Freund und Kollege in Gefahr? Wer waren ›die‹? Augenblicklich flackerten Personen durch Gerdas Kopf. Anton, er boykottierte Brunos Sportprogramm. Aber da müsste ja eher Bruno sauer auf ihn sein und nicht umgekehrt. Jedoch konnte so eine Auseinandersetzung auch beide Seiten hochschaukeln. Hm. Oder Elfriede, weil Bruno mit ihr, Gerda, spazieren ging und nicht mit ihr, also Elfriede. Oje, war es das? Oder Brunhilde, weil … ja, warum eigentlich? Weil sie genug von Brunos Meckerei hatte, wenn er ihren Wissensdurst – Bruno nannte es Neugierde – kritisierte? Oder Anneliese, diese Neue, die gerne Anschluss finden wollte, die anderen sie jedoch nicht so wirklich dabeihaben wollten? Außer Gerda. Gerda tat Anneliese leid. Sie hätte nichts dagegen, die Neue in den Freundeskreis aufzunehmen.
Aber nein. Gerda schüttelte den Kopf. Keiner ihrer Freunde würde Bruno etwas anhaben wollen. Zumal sich das auch als schwierig gestalten könnte, denn Bruno war bei weitem der Fitteste von ihnen. Gerade als Gerda wieder Herr ihrer Atmung wurde, drang eine weitere Stimme an ihr Ohr. Himmel Herrgott! Musste man sie heute aber auch so erschrecken? Allerdings kam die Stimme nicht aus Brunos Zimmer. Sie schleuderte – aufgeladen mit nicht zu überhörender Entrüstung – von hinten an sie heran. Es war die vertraute Stimme von Pfleger Carsten, der sie fragte, was sie denn da mache. Sie horche doch wohl nicht ihren Kollegen aus, um hinterher etwas auszuplaudern?
»Wie? Ich? Ich darf doch wohl sehr bitten. Ich horche nicht. Und ich plaudere auch nicht aus.«
»Ich sage nur: Weihnachtsplätzchen für Brunhilde, Geburtstagsparty für Elfriede, Post für …«
»Ja, ja, ist ja schon gut.« Gerda spürte, wie Farbe in ihr Gesicht wanderte. Manchmal arbeitete ihr Gehirn halt doch gut und erinnerte sich an Dinge, die sie lieber hätte vergessen sollen. Denn dann wären sie gelungene Überraschungen geworden. Doch stattdessen war es aus ihr herausgesprudelt, dass sie für Brunhilde gebacken hatten, als diese getrauert hatte, weil ihre jüngere Schwester gestorben war. Ebenso war es mit Elfriedes Überraschungs-Geburtstagsparty gelaufen, die dann nicht mehr ganz so überraschend gewesen war.  
»Nein, nein«, sagte Gerda jetzt, »ich wollte gerade klopfen.« Wie zum Beweis hob sie die Hand mit angewinkelten Fingern. Dann senkte sie die Stimme und sagte: »Aber ich habe eine Frauenstimme gehört und wollte lieber doch nicht stören.« Sie schenkte Carsten ein Lächeln und sah zu, dass sie schnell wieder in ihr Zimmer kam.
War wohl doch eine Stunde später. Der Spaziergang.

 

Ein Spaziergang

Pünktlich um halb drei sah Gerda Bruno aus seinem Zimmer treten.

»Huhu«, rief sie und rollte so schnell wie möglich den Flur entlang. »Ich bin auch schon da.« Mit einem Lachen im Gesicht kam sie neben ihm zum Stehen.
»Auf die Minute pünktlich. Das lobe ich mir.« Brunos Blick galt seiner Uhr. Er tippte noch ein paar Mal darauf herum, dann wendete er seine Aufmerksamkeit Gerda zu. »Startklar?«, fragte er.
»Aber sicher doch.« Ihr Grinsen verriet nicht, dass sie in Wirklichkeit gerade angestrengt darüber nachdachte, was sie ihn noch einmal fragen wollte. In ihrem Kopf war diese raumgreifende Leere, während Bruno ihren Rollstuhl schwungvoll durch die Automatiktür nach draußen schob und die spätsommerliche Sonne ihnen einen wärmenden Empfang bereitete. Gerda lehnte sich zurück und schloss die Augen. Ach, was soll’s, irgendwann würde es ihr wieder einfallen. Und wenn nicht, dann war es wohl nicht so wichtig. Genau in dem Moment zeichnete ihr Gedächtnis die Szene, wie sie mit dem Ohr an Brunos Tür hing.
»Die Frau«, rief sie und war selbst ein wenig erschrocken, ihre Stimme in einem so kräftigen Klang zu hören.
»Welche Frau?« Bruno schaute sich um. »Hier ist niemand.«
»Nein, nein«, sagte Gerda. »Mir ist nur gerade eingefallen, dass ich dich fragen wollte, wer dich heute besucht hat.«
»So, so«, meinte Bruno. »Spionierst du mir etwa hinterher?«
»Was? Ich? Natürlich nicht.« Gerda drehte ihren Kopf ein wenig in Brunos Richtung. »Was denkst du von mir?«
»Nun«, meinte Bruno. »Was soll ich denken, wenn du anscheinend um halb zwei oder um zwei meine Tür im Visier hattest. Das ist doch normalerweise die Zeit für ein Mittagsschläfchen.«
Ja, da musste sie ihm Recht geben. Sie wollte aber lieber für sich behalten, dass sie sich die falsche Uhrzeit für den Spaziergang gemerkt hatte. Das durfte nicht weiter in die Welt hinausgetragen werden. Ihre Vergesslichkeit. Dabei machte sie manchmal sogar selbst Witze darüber. Aber sie wollte lieber nicht zu viel preisgeben.
»Ich hatte Durst«, sagte sie schließlich und lief rot an. »Und müde war ich heute auch nicht.«
»Wenn das so ist«, brummte Bruno. »Ich denke, ich verrate kein Geheimnis, wenn ich sage, dass das meine Schwiegertochter war.«
»Du hast eine Schwiegertochter?«
»Ja, so etwas kann vorkommen.«
Gerda schüttelte den Kopf. Ihr wurde soeben sehr bewusst, dass sie nichts wusste. Nichts über Brunos Familie. Nichts über mögliche Kinder, Ehefrauen, Haustiere. Er hatte noch nie etwas von eigenen Kindern erzählt. Oder war ihr das nur wieder alles entfallen? »Hast du denn einen Sohn?«, sprudelten die Worte aus ihr heraus, bevor sie sie bremsen konnte.
»Da ich eine Schwiegertochter habe, ist das wohl anzunehmen«, meinte Bruno. »Ich habe sogar zwei.«
»Wirklich? Das ist ja wie bei mir«, freute sich Gerda.
»Du hast zwei Söhne? Das hast du ja auch noch nie erwähnt.« Jetzt hörte sich Bruno fast ein wenig neugierig an. »Du hast doch nur den Wilhelm«, sagte er.
»Und den Friedhelm«, fügte Gerda hinzu.
»Aber ich dachte, Friedhelm sei dein Mann gewesen.«
»Ja, und mein Sohn.«
»Ihr habt euren Sohn nach deinem Mann benannt?«, fasste Bruno das Gehörte ein wenig skeptisch zusammen.
»Ja, das ist doch wohl erlaubt.«
»Aber natürlich. Ich war nur etwas erstaunt. Deinen Sohn hast du nie erwähnt.«
»Du deine beiden auch nicht.«
»Ich rede nicht so viel. Über Familie, meine ich.«
»Da hast du recht.« Gerda nickte. »Ich auch nicht«, fügte sie hinzu und Bruno lachte.
»Gerda«, sagte er, »wenn jemand viel redet, dann bist du das doch wohl.«
»Aber nicht über Familie.«
»Hm.« Bruno hielt inne. »Das stimmt irgendwie. Dann haben wir beide direkt etwas gemeinsam.« Er schmunzelte und eine Zeit lang schob er einfach still - und wie immer im flotten Tempo - Gerdas Gefährt vor sich her.
»Und deine Frau?«, fragte Gerda schließlich, da sie jetzt doch ein wenig neugierig auf Brunos Familiengeschichte geworden war.
»Ist tot.«
»Oh, wie mein Friedhelm.«
»Du meinst jetzt deinen Mann.«
»Ja«, sagte Gerda, »denke ich.«
»Was meinst du mit ›denke ich‹?«
»Dass nur mein Mann tot ist und nicht mein Sohn auch.«
Bruno brauchte einen Augenblick, um weiter zu fragen. »Warum denkst du, dass dein Sohn vielleicht tot ist?«, fragte er schließlich.
»Das denke ich nicht, das weiß ich nur nicht.«
»Kannst du dich klarer ausdrücken?«
»Hab halt keinen Kontakt, also weiß ich doch auch nicht, wie es ihm geht. Ist doch logisch, oder?«
»Ja, also, ja, wenn man es so sieht. Stimmt.«
Einen Augenblick lang blieb es still zwischen ihnen und Gerda gab sich dem Ruckeln des Rollstuhls hin, was einigermaßen ausgeprägt war, da Bruno sie über Kopfsteinpflaster schob. »Woran ist sie denn gestorben«, versuchte Gerda schließlich noch einmal, ihr Wissen zu vervollständigen.
»Sag ich nicht.«
»Warum nicht?«
»Warum hast du keinen Kontakt zu deinem Sohn?«, stellte Bruno die Gegenfrage, die Gerda ein wenig aus dem Konzept brachte, denn darüber wollte sie nicht reden.
»Darum nicht.«
»Ist gut.«
»Was ist gut?«
»Du willst anscheinend nicht über deinen Sohn reden. Und ich sage, dass das okay für mich ist. Also reden wir nicht drüber.«
»Ja«, sagte Gerda, weil sie nicht wusste, was sie sonst dazu sagen sollte. Doch das nicht vorhandene Verhältnis zu ihrem Sohn, … die Gedanken daran, die sie lange Zeit verdrängt hatte, waren durch Brunos Nachfrage plötzlich präsent und wollten zutage treten. »Ich weiß noch nicht einmal, wo er wohnt.« Sie konnte nicht umhin, dass ein leichtes Zittern in ihrer Stimme mitschwang.
»Hm«, machte Bruno.
Ein ›Hm‹ war sehr mager als Resonanz auf Gerdas Seelenleiden. Doch sie hielt tapfer stand, beschwerte sich nicht und erkundigte sich stattdessen nochmals nach Brunos Schwiegertochter, indem sie nach ihrem Namen fragte.
›Tatjana Zumdieck‹ war die Antwort.
Warum sie ihn heute besucht hatte, wollte sie wissen. Und warum denn deren Mann, also Brunos Sohn, nicht dabei gewesen sei.
Den Grund ihres Besuchs nannte er nicht, aber dass sein Sohn als Informatiker beruflich sehr eingebunden war, das erfuhr sie.
Das war schon eine ganze Menge Familiengeschichte an einem Tag, aber dennoch war es Gerda so, als habe sich noch eine Frage irgendwo in ihren Synapsen und Nervenbahnen versteckt. Sie hatte etwas mit dem zu tun, was Bruno vorhin gesagt hatte. Vorhin, als sie vor seiner Zimmertür gesessen hatte. Doch sie konnte die Frage nicht greifen. Sie fühlte, dass sie nah war, irgendwo in ihrem Kopf herumlungerte. Zugleich spürte sie, wie diese ihr immer weiter entschwand. Wie nach einem Traum. Wenn man aufwachte und das gerade noch so intensiv Erlebte sich mit plötzlichem Nebel umhüllte. Ach, was soll’s? Gerda richtete ihre Aufmerksamkeit der schönen Natur zu, betrachtete den kleinen Spatzen, der auf einer Bank ein paar Brotkrumen pickte, und erfreute sich an den bunten herbstlichen Blättern.
Und so fanden die beiden Frische-Luft-Genießer schließlich den Weg zurück, ohne dass Gerda weiteres über den Grund des Besuchs von Brunos Schwiegertochter erfahren hatte, geschweige denn in Erfahrung gebracht hatte, wer Bruno umbringen wollte. Dafür aber erreichten sie ihr Heim mit einer Menge Wind im Haar und viel Sonne im Herzen.

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