Tag 1 - Samstag
»Mama, ich bin froh, dass wir das heute Abend gemacht haben.« Frauke
warf ihrer Mutter ein kurzes Lächeln zu, dann konzentrierte sie sich wieder auf
die Straße. Es war bereits dunkel und die entgegenkommenden Autoscheinwerfer tanzten
vor ihren Augen.
»Ja, finde ich auch.« Elfriede lächelte und atmete tief ein und aus.
Dann räkelte sie sich und schraubte ihren Kopf ein wenig höher. Die 86-Jährige
war so klein, dass sie fast ein wenig Mühe hatte, über dem Armaturenbrett und
dem Fensterholm die Straße zu erblicken.
»Wir sollten häufiger einen Mama-Tochter-Abend machen und zusammen
essen gehen«, schlug Frauke vor. Sie setzte den Blinker nach links und fuhr an
eine Kreuzung heran.
»Fahr rechts.« Elfriede deutete mit ihrem rechten Daumen in die
passende Richtung.
»Aber über die Autobahn ist doch viel kürzer. Und es ist schon spät.«
»Wie spät denn?« Elfriede, die mal wieder ihre Brille vergessen hatte,
kniff die Augen etwas zusammen, um die Uhr am Armaturenbrett zu lesen.
»Viertel vor acht.«
»Zeit genug«, entschied Elfriede und Frauke änderte den Blinker von
links nach rechts.
»Hier ist so schöne Landschaft«, schwärmte Elfriede und ein zufriedenes
Grinsen überzog ihr Gesicht.
»Mama, es ist dunkel. Man sieht nicht gerade viel von der Landschaft.«
»Ja, aber ich kann sie mir gut vorstellen. Ich weiß doch, wie sie
aussieht.« Sie blickte zu Frauke. »Hier bin ich früher so oft mit deinem Vater
hergefahren, immer wenn wir am Wochenende einen Ausflug gemacht haben. Und das
Auto war voller Hunde.«
»Ja, ich erinnere mich.«
»Wirklich?«
»Ja, Mama, manchmal war ich auch dabei.« Frauke schenkte ihrer Mutter
ein Grinsen und war jetzt doch überzeugt, dass sie gerade richtig gehandelt
hatte, indem sie ihrer Mutter nachgegeben hatte, obwohl sie sich schon häufiger
geschworen hatte, ihren eigenen Willen auch mal durchzusetzen. Aber wenn es
Mama doch so schöne Erinnerungen brachte.
Die Überzeugung bezüglich der richtigen Wegwahl geriet allerdings
abrupt ins Wanken, als rechts im Scheinwerferlicht ein Reh auftauchte.
Die beiden Frauen schrien. Die Bremsen quietschten und es gab einen
Knall. Danach war es totenstill.
»Shit.« Frauke setzte den Warnblinker und fuhr rechts ran. »Alles okay
mit dir, Mama?«
»Nein. Wir haben gerade ein Reh angefahren. Wie kann da alles okay
sein? Mir geht’s gerade ganz schön schlecht. Dir nicht?«
»Mir auch. Ich meinte ja auch nur körperlich. Hast du dich verletzt?«
»Natürlich nicht. Ich bin doch angeschnallt.« Wie zum Beweis zog sie
kurz an ihrem Gurt. »Aber das Reh.« Sie seufzte. »Magst du kurz nach ihm
gucken?« Frauke sah das Glitzern in Elfriedes Augen.
»Ich glaube, ich rufe zuerst bei der Polizei an.«
»Das kann ich doch machen«, bot Elfriede an. »Das Reh braucht Hilfe.«
Frauke befürchtete, dass für das Reh jede Hilfe zu spät kam, doch das
sagte sie nicht.
»Wähl doch bitte mal schnell die Nummer von Herrn Neumann«, sagte
Elfriede, die gerne ihren Lieblingspolizisten sprechen wollte, denn Elfriede
Greismann schaffte es irgendwie, immer wieder mit der Polizei in Kontakt zu
kommen.
Frauke suchte Neumanns Nummer, die auch sie im Telefon gespeichert
hatte, und übergab das Telefon in die zitternden Finger ihrer Mutter. Dann
stieg sie aus. Es war stockdunkel hier. Nur die Blinklichter ihres Autos überwarfen
die Bäume und Sträucher und den Asphalt mit einem gespenstischen, zuckenden
Orange. Die 46-Jährige griff in ihre Jackentasche, um ihr Handy hervorzuholen,
doch ihr Telefon klebte ja am Ohr ihrer Mutter. Frauke seufzte und holte die
kleine Taschenlampe aus der Seitentasche der Fahrertür. Manchmal war es halt
gut, noch so altertümliche Dinge an Bord zu haben. Sie musste jetzt nur noch
funktionieren. Bingo. Frauke atmete noch einmal tief durch, dann machte sie
sich mit weichen Knien auf den Weg.
Hätte sie gewusst, was sie finden würde, hätte sie sich wahrscheinlich
gar nicht in Bewegung gesetzt.
*
»Wamsmann«, tönte es am anderen Ende der Leitung und Elfriede war
irritiert.
»Aber das ist doch die Nummer von Herrn Neumann.« Elfriede dachte nach.
Die Nummer von Wamsmann hatte sie doch gar nicht. Der war immer so brummig,
wenn er nicht gerade mit Essen beschäftigt war. Da sprach sie lieber mit
Neumann. Und jetzt das.
»Frau Greismann, sind Sie das?«, unterbrach Wamsmann ihre
Gedankengänge.
»Ja, und ich möchte Herrn Neumann sprechen. Wir haben hier einen
Rehunfall.«
»Herr Neumann ist nicht mehr für tote Rehe zuständig. Der kümmert sich
jetzt doch eher um menschliche Leichen.«
Ach ja, klar. Elfriede schlug sich die Hand vor die Stirn. »Hat der
denn seine Telefonnummer nicht mitgenommen?«, fragte sie, denn dann bräuchte
sie ja mal die aktuelle von dem netten Herrn Neumann. Nur so zur Sicherheit.
»Nein, hat er nicht«, hörte sie Wamsmanns Stimme. »Wo genau sind Sie
denn? Soll ich vorbeikommen?«
»Ja, aber nicht erst sämtliche Imbissbuden abklappern. Bitte kommen Sie
sofort.«
»Gern.«
Seit wann sagte Wamsmann ›gern‹?
Hatte er eine Wandlung durchgemacht?
Das wäre ja was. Kein alter Brummbär mehr.
»Frau Greismann!«
»Ja?«
»Sie sollen mir sagen, wo Sie sind.«
»Na, auf der einen Landstraße, wo die Umgebung so schön ist. Lauter
Wiesen und Felder und teilweise so ein hübscher Wald.«
»Ist noch jemand bei Ihnen?«
Elfriede schaute sich um. »Im Moment nicht.«
»Was machen Sie denn alleine auf einer Landstraße. Sie sind doch wohl
nicht Auto gefahren?«
»Wo denken Sie denn hin, Herr Wamsmann?« Elfriede schmunzelte. Der war
ja richtig witzig. Der gute alte Wamsmann.
»Aber Sie sitzen in einem Auto?«
»Ja.«
»Wer hat das Auto denn gefahren?«
»Na, die Frauke.«
»Dann geben Sie mir doch bitte einmal die Frauke, ja, Frau Greismann?«
Elfriede blickte sich erneut um, konnte ihren Hals aber nicht so weit
drehen. Sie legte das Telefon zur Seite und hievte sich aus dem Auto. Jetzt
erblickte sie ein Taschenlampenlicht, das irgendwie hektisch und schnell näher
kam.
»Frauke?«, rief Elfriede dem Licht entgegen. »Frauke, der Herr Wamsmann
möchte dich sprechen.«
Frauke hatte sie jetzt fast erreicht. Gespenstisch und blass sah ihr
Gesicht in dem Schein der Taschenlampe aus. »Und? Hast du das Reh gefunden?«
»Da liegt eine tote Frau.« Frauke rauschte an Elfriede vorbei.
»Herr Wamsmann möchte dich sprechen«, wiederholte Elfriede, als Frauke
bereits die Autotür aufriss. »Aber das war doch ein Reh. Wir haben doch ein Reh
angefahren«, murmelte sie und konnte noch nicht recht begreifen, was Frauke
gerade gesagt hatte. Allerdings fiel ihr jetzt irgendwie Neumann ein. »Neumann
soll mitkommen«, rief sie ins Auto hinein. »Der kümmert sich um tote Frauen.«
*
Und dann kam er
tatsächlich, der Herr Neumann. Das freute Elfriede natürlich, auch wenn der
Anlass höchst unerfreulich war, und die 86-Jährige einfach nicht begreifen
konnte, wie beim Zusammenprall aus ihrem Reh eine Frau hatte werden können.
»Du«, sagte sie zu Frauke, »ob das Reh eine verwunschene Prinzessin
war?«
»Mama.« Frauke schüttelte den Kopf und Elfriede fand, dass ihr ›Mama‹
ein wenig vorwurfsvoll klang, so, als zweifle sie am Verstand ihrer Mutter.
Dabei war die Vorstellung doch irgendwie erfüllend. Das Reh – eine Prinzessin.
Okay, eine tote Prinzessin. Das machte das Ganze jetzt doch wieder nicht ganz
so schön. Aber trotzdem.
Elfriede vertrat sich ein wenig die Beine, indem sie am Auto entlang
immer hin und her tippelte. Weiter sollte sie nicht gehen, auf keinen Fall der
Leiche zu nahe kommen, hatte man ihr gesagt. Hatte sie auch gar nicht vor.
»Und Mama«, sprach Frauke sie an.
Elfriede blickte sich zu ihr um.
»Kommt bloß nicht auf die Idee, hier irgendwie zu ermitteln.«
»Ihwo, wo denkst du hin?«
»Ich sag’s nur.«
»Jaha«, sagte Elfriede. »Das höre ich.«
Es dauerte nicht lange, und Neumann gestattete ihnen, nach Hause zu
fahren.
Dankbar stiegen sie in Fraukes Auto und fuhren los. Irgendwelche
Lichter im Armaturenbrett blinkten auf und beim Blinken fing das Auto an zu
piepen. Aber es fuhr und so tuckerten sie langsam Richtung Seniorenheim ›Sonnenstube‹.
Vom Reh fehlte bis dahin jede Spur.
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