Mittwoch, 2. Oktober 2013

Selbst schuld - keine Gnade für den in der Regentonne

Hallo ihr Lieben,

Die Weiterführung des Umschlags vom letzten Beitrag führt uns heute in die Regentonne. Es geht um gesellschaftliche Moralvorstellungen und darum, was passiert, wenn wir uns nicht dran halten.

Wir lachen, um zu strafen – das zumindest behauptet Friedrich Georg Jünger. Das hört sich nicht gerade sympathisch an – wo ich doch immer dachte, lachen sei positiv besetzt. Aber nein, wenn ich genau hinschaue, dann sehe ich die Schadenfrohen da hinten in der Ecke sitzen und sich eins ins Fäustchen lachen – und wenn sie gemein sind, sogar in die ganze große Faust.

Denn ganz so Unrecht hat Jünger nicht. Lachen kann sehr wohl verletzen, dann nämlich, wenn ihr über meine Dummheit mit der Kellertreppe lacht (Achtung: die Kellertreppenstory war im letzten Beitrag vom 25. Sept.), bei der ich mich eh schon verletzt habe, und jetzt straft ihr mich auch noch mit Gelächter. Wofür eigentlich?

Jünger sagt, für die Normverletzung. Darauf gebe es nun mal eine Replik, also eine Antwort. Nun habe ich bei der Kellertreppe ja lediglich versehentlich die Norm des richtigen Weges nicht eingehalten, indem ich das Schlafzimmer gedanklich hinter die Kellertür gesetzt habe. Ich hoffe, dass euer Lachen daher doch aufgrund des unerwarteten Umschlages und der instabilen Struktur entstanden ist und nicht, weil ihr mir den Fall die Kellertreppe hinunter gegönnt habt ;).

In der Knopp-Trilogie jedoch gibt es einige Beispiele, die sehr schön Jüngers Theorie von Normverletzung und Replik belegen. Eine meiner Lieblingsszenen ist die mit Herrn Sauerbrot, der sich gerade unbändig darüber freut, dass seine Frau gestorben ist. Dort heißt es nämlich: „’Heißa!’ rufet Sauerbrot. / ‚Heißa! Meine Frau ist tot!’“ (S. 200). Dabei tanzt er auch noch federnd auf und ab und klatscht in die Hände. Na, Herr Sauerbrot – wenn das mal nicht eine eindeutige Normverletzung ist. So etwas gehört sich nicht ;).
Busch, W., S. 200
 
Und weil sich so etwas nicht gehört, lässt die Replik auch nicht lange auf sich warten. Sie erscheint in Person von Frau Sauerbrot, die wohl nicht so tot war, wie Sauerbrot glaubte. Dazu fällt Sauerbrot nichts anderes ein, als selbst tot umzufallen. „Starr vor Schreck wird Sauerbrot, / Und nun ist er selber tot. –“ (S. 204) Das hat er jetzt davon.

Wobei auch diese Szene mit vom Umschlag lebt, denn nicht nur Sauerbrot, auch Knopp und wir als Zuschauer und Leser sind überrascht und verblüfft über das Aufkreuzen von Frau Sauerbrot, die uns doch als komplett tot angekündigt wurde.

Eine komische Situation kann demnach dadurch hervorgerufen werden, dass gesellschaftliche Regeln und Moralvorstellungen zunächst gebrochen und durch eine Erwiderung anschließend wieder hergestellt werden. Nach dem Motto: „Wer andern eine Grube gräbt, fällt selbst hinein“, erfreut es uns, wenn alles wieder seine Ordnung gefunden hat.

Wenn mich also jemand in den Pool schubst, dann hoffe ich doch sehr, dass ihr lacht, wenn mein großer Bruder auftaucht und den Schubser in eine mit schmutzigem Wasser gefüllte Regentonne tunkt. Denn damit hat mein Bruder die Norm wieder hergestellt und wir können alle zufrieden sein – außer vielleicht der Getunkte ;).

Ich wünsche euch allen eine schöne Zeit und passt auf, dass ihr keine Normen verletzt – ihr wisst ja, das endet in der Regentonne ;)

Liebe Grüße
Pebby
 

Busch, Wilhelm: Sämtliche Werke II. Was beliebt ist auch erlaubt. Hrsg. Von Rolf Hochhuth. München: Bertelsmann 1982.

Jünger, Friedrich Georg: Über das Komisch. Zürich: Arche 1948.