Sonntag, 26. November 2017

Leseprobe zum Nachkriegsroman "Himmelsstern. Das Ferne so nah"

Noch kurze Zeit, dann ist es so weit -
es wird noch ein Buch mehr geben - im Amazon-Schaufenster😃:



Ein Roman voller Sehnsucht, Liebe, Humor und Spannung.
Im Münsterland der Nachkriegszeit versuchen viele Flüchtlinge und Vertriebene Fuß zu fassen. So auch Anna, ihre kleine Schwester und ihre Mutter. Anna fiebert zudem der Rückkehr desjenigen entgegen, der ihr Herz erobert hat. Doch der ist zum Ende des Krieges desertiert und gilt seitdem als verschollen. Dann tritt Karl von Woestemann in Annas Leben und bringt ihr Herz durcheinander. Doch ist er wirklich der charmante Mann, für den er sich ausgibt? Anna ahnt nicht, in was sie da hineinrutscht.

Und hier nun die versprochene Leseprobe:

Kapitel 1 (Juni 1946)

„Himmelsstern“ hatte er sie genannt. „Mein Himmelsstern.“
Anna umfasste das Band an ihrem Hals und schloss die Augen. So träumte es sich schöner in die Welt hinein, die sie verloren hatte. Denn die Bilder hinter ihren Augenlidern, die konnte ihr niemand nehmen. Sie hütete sie wie einen Schatz.
„Träum nicht so viel“, sagte Mutter oft. Und auch: „Er kommt sowieso nicht wieder.“ Dieser Satz tat besonders weh.
Anna saß an dem kleinen grauen Küchentisch und verlor sich in ihrer vergangenen Welt, bis ein Schrei sie hochfahren ließ. Er kam aus dem Hinterhof. Anna warf einen Blick aus dem Fenster. Ihre kleine Schwester Elfriede stand dort unten, den Mund weit aufgerissen, die Augen zugekniffen und die Handflächen fest auf die Ohren gepresst.
Anna rannte zur Zimmertür, polterte die schmale Holztreppe hinunter und riss die Tür zum Hinterhof auf. Das Sonnenlicht flutete die Dunkelheit der Diele. Anna schirmte ihre Augen mit der rechten Hand ab.
Elfriedes abgespreizten Ellbogen vibrierten, ebenso ihre blonden, geflochtenen Zöpfe. Neben Elfriede stand die Ziege Lotte. Anna rannte auf die beiden zu. Lotte huschte hinter ihren Futtertrog und beäugte Anna misstrauisch. Elfriede hörte auf zu schreien.
„Friedchen, was ist los?“, fragte Anna.
Elfriede drehte sich um und deutete auf die Ziege. Die glotzte und meckerte. Und vor ihrem Maul formte sich eine Seifenblase von anständiger Größe.
„Warum meckert Lotte Seifenblasen?“ Anna schaute sich um.
Noch bevor Elfriede antwortete, entdeckte Anna die zwei Gestalten hinter der Hauswand, die sich kichernd den Bauch hielten. Dann bemerkten sie Annas Blick und huschten weg. Anna drehte sich wieder zu ihrer kleinen Schwester.
„Hat Lotte aus dem Trog gefressen?“
Elfriede nickte. Anna strich mit dem Zeigefinger durch den Futtertrog. Sie führte die Hand zum Mund und berührte die weiße Substanz an ihren Fingerkuppen mit ihrer Zungenspitze. Anna spuckte. Es war Salz, gemischt mit Seifenpulver.
Na, da würden sogar die Jungs Ärger bekommen, wenn das rauskam, schätzte Anna. Man verhunzte kein kostbares Salz. Nicht in Zeiten wie diesen.
Anna schielte noch einmal zur Hauswand, dann zog sie sich langsam zur Tür zurück, aus der sie eben gekommen war. Sie hielt den Zeigefinger auf den Mund und bedeutete ihrer achtjährigen Schwester, keine verräterischen Fragen zu stellen, wenn sie sich nun nicht wieder ins Kuhstalldachgeschoss zurückbegab, sondern sich an der alten, ehemals weißen Tür vorbeischlich. Sie eilte an dem links neben dem Stalltrakt befindlichen Bauernhaus entlang und näherte sich von hinten den beiden Jungs, die an der Hauswand lehnten und sich an Lottes Seifenblasenproduktion erfreuten.
Anna tippte den beiden auf die Schulter. Sofort wich der Spaß aus ihren Gesichtern. Eine Schrecksekunde lang starrten sie Anna einfach nur an. Dann mobilisierten sie ihre Muskeln und setzten zur Flucht an. Doch Annas Hände umfassten bereits die Hosenträger der Jungs. Entschlossen schleifte sie die Burschen zum Trog, presste ihre Köpfe hinein und wünschte ihnen einen guten Appetit. Die Jungs jaulten, Anna grinste und Elfriede ploppte die Kinnlade runter.
Der Ruf ihrer Mutter oben aus dem Fenster ließ Anna innehalten. Sie seufzte und ließ die Bengel los, die sich schnellstmöglich aus dem Staub machten. Ziege Lotte gab noch einmal eine Seifenblase zum Besten, und Elfriede verschmierte ihre Tränen mit ihrem nackten Unterarm im Gesicht.
„Die werden hoffentlich vorläufig Ruhe geben.“ Anna bückte sich und strich ihrer Schwester über die ausgemergelte Wange. „Komm“, sagte sie. „Wir gehen in den Wald und suchen ein paar Kräuter für Lotte. Dann wird es ihr bald bessergehen. Wir müssen sowieso noch ein paar Blaubeeren fürs Mittagessen sammeln.“
Hand in Hand machten sie sich auf den Weg. In ihrer rechten Hand hielt Elfriede das Seil, das sie mit Lotte verband.
„Wenn ich groß bin, gehe ich zum Zirkus. Da bringe ich den Löwen und den Ziegen alles bei. Alles.“ Als sie die ersten Bäume des Waldes erreicht hatten, war Elfriede wieder merklich besser drauf. „Komm schon, Lotte“, sagte sie und zog an dem Seil. „Sei nicht so zickig.“
Die Baumwipfel des Waldes bogen sich im leichten Wind, als wollten sie der Sonne die Chance geben, an diesem lauen Sommertag den Waldboden zu begutachten. Die Vögel zwitscherten und die kleine graue Ziege schickte ein Meckern in die Welt, dem eine im Sonnenlicht glitzernde Seifenblase folgte.
„Tja, scheint nicht ganz leicht zu sein, dein Beruf.“ Anna lachte und zog ebenfalls an dem Seil, an dem sich bereits Elfriedes Schmutzfinger abmühten. Dann übergab Anna Elfriede die kleine blecherne Milchkanne für die Blaubeeren.
„Normalerweise ist sie nicht so“, verteidigte Elfriede das Verhalten ihrer Ziege und ordnete Seil und Kanne in ihren Händen. „Sie hat Bauchschmerzen wegen der blöden Seife. Wo sind denn jetzt die Kräuter, die du suchen wolltest?“
„Moment.“ Anna bückte sich. „Ich glaube, hier sind schon welche.“ Sie schob ein paar Blätter eines Strauches beiseite und zupfte einiges an Grünzeug ab. Dann hielt sie es Lotte vors Maul. Die Ziege schnupperte und begann, die Blätter anzuknabbern. Anna übergab Elfriede den Blätterhaufen und sammelte weitere Arzneien für die Ziege.
„Fein, Lotte.“ Elfriede strich der Ziege über den Nacken.
Anna reichte Elfriede noch ein paar Kräuter und stellte zufrieden fest, dass die Schaumbildung beim nächsten meckernden Kommentar der Ziege bereits nachgelassen hatte. Wenn sie nicht von ihrer Mutter Maria zurechtgewiesen worden wäre, sie hätte die beiden Jungs den Trog leerfressen lassen.
Eigentlich war sie alles andere als gemein. Doch so, wie die Leute hier auf dem Hildebrandt-Hof mit ihrer Mutter und ihrer kleinen Schwester umsprangen, das konnte sie einfach nicht ertragen. Und dann noch Fritz und Bertram, die Söhne von Bauer Hildebrandt. Die hatten nur Unsinn im Kopf. Und meist war Elfriede das Opfer. Von den Hildebrandts schien das keinen zu interessieren und auch Mutter Maria machte nie ihren Mund auf. Da musste sie selbst halt einfach mal aktiv werden, fand Anna. Ihre Familie musste sich nicht immer alles bieten lassen.
Familie, dachte Anna und senkte den Kopf. Wie klein ihre Familie geworden war. Früher waren sie sieben. Jetzt drei. Keiner der männlichen Familienmitglieder hatte den Krieg überlebt. Ein tiefer Schmerz machte sich breit in Annas Brust.
Sie dachte an Gustav und Robert und die Geschichte mit dem Nikolaus. Unwillkürlich musste sie grinsen. Ihre Brüder hatten ihr die Angst vor dem Kirchenmann nehmen wollen, dem sie ein Gedicht aufsagen musste. Vor Aufregung hatte sie nächtelang nicht schlafen können. Der sei doch gar nicht echt, hatten die Jungs behauptet. Das sei nur Nachbar Otto. Vor dem brauche sie keine Angst haben.
Als nun der Nikolaus in die gute Stube vorgelassen wurde, wollten die Jungs den Beweis antreten. Robert sprang ein wenig hoch und ergriff den Bart. Zugleich kletterte Gustav aufs Sofa und riss dem Würdenträger die Mitra vom Haupt. Das Haupt war kahl und der Bart blieb haften. Annas Augen wurden groß und die Beine der Jungs flott. Nachbar Otto hatte keine Glatze. Und einen Bart hatte der auch nicht. Hier war wohl doch ein anderer Nikolaus am Werke. Seinen Bischofsstab vorstoßend nahm der bärtige, glatzköpfige Nikolaus die Verfolgung auf. Die Jungs rannten um den Wohnzimmertisch und verschwanden durch die Außentür in der Dunkelheit des Hofes.
„Lotte, dreh!“, rief Elfriede und riss Anna aus ihren Gedanken.
Anna schaute auf. Etwas seitlich vor ihr stand Elfriede und schob das Hinterteil ihrer Ziege, während sie mit der anderen Hand versuchte, die Vorderbeine platziert zu halten. Lotte kaute noch ein wenig auf dem Kraut, dann wurde ihr das Geschubse wohl zu viel. Sie meckerte und machte sich davon. Das Seil zog durch Elfriedes Handfläche, schlug auf den Waldboden und folgte der Ziege. Ebenso Elfriede. Was stehenblieb, war die kleine Milchkanne. Typisch, dachte Anna, griff nach der blechernen Milchkanne und ging den beiden hinterher.
„Lotte, steh!“, rief Elfriede und Anna staunte. Die Ziege bleib tatsächlich stehen und schaute sich nach Elfriede um.
„Nicht schlecht.“ Anna nickte anerkennend, als sie die beiden erreichte. Sie drückte Elfriede die Milchkanne in die Hand.
„Und was willst du werden, wenn du groß bist?“, fragte Elfriede. Mit hochgerecktem Kinn schaute sie ihre große Schwester an.
„Ich bin schon groß“, lachte Anna.
„Nein, ja, aber du bist ja noch nix.“
„Doch, ich bin ich. Und ich kann deine Ziege gesundmachen.“
„Dann bist du Tierärztin“, stellte Elfriede fest.
„So schnell wird man nicht Tierärztin.“
„Wann ist man denn Tierärztin?“
„Dazu muss man studieren und ganz viel lernen.“
„Hm.“ Elfriede dachte nach.
Anna strich ihrer Schwester über den Kopf. Dann trugen ihre Gedanken sie zurück in die Zeit, als sie – ähnlich wie Elfriede jetzt – ihre Zukunft noch vor sich gesehen hatte. Als sie Pläne geschmiedet hatte, ein Ziel hatte.
Doch dann kam der Krieg.
Und mit all seinem Grauen brachte er vor allem eins: Planlosigkeit.
Je mehr die deutsche Armee nach 1941 ins Stocken und dann in die Defensive geriet, umso mehr geisterte das Wort „Endsieg“ durch die Lande, als könne man durch die stetige Präsenz eines Wortes Einfluss auf den Kriegsverlauf nehmen. Ab Februar 1943 machte zudem die Kunde von dem „Totalen Krieg“ die Runde. Goebbels hatte diese Worthülse in einer Rede genutzt und Anna fragte sich, was er damit meinte, denn dieser Krieg umfasste bereits alles und jeden.
Dann, Anfang fünfundvierzig, als die Rote Armee begann, Ober- und Niederschlesien zu überrollen, da wurde das Leben, das Überleben von einem Tag auf den nächsten immer prägender. Sie lebten von einen Tag auf den anderen, die Leute, und mit ihnen Anna, Elfriede und Mutter Maria. Gebannt warteten alle auf Nachrichten aus den Mündern derer, die aus dem Osten, aus Oberschlesien, kamen und Zuflucht bei Glatzer Verwandten, Bekannten oder auch Fremden suchten. Die alles beherrschende Frage war: Wie weit war die Front noch entfernt? Wann würden die Russen die Glatzer Gegend erreichen? Kam das ferne Donnergrollen bereits näher?
Und als es schließlich so weit war, glichen die Stadt und die Dörfer rundherum Geisterstätten. Geisterstätten, durch die sich in langen Reihen schwerfällig die russischen Panzer schoben. Die dominierenden Farben waren das Laubgrün der Panzer und das Weiß der Bettlaken, die wie ein Flehen aus den Fenstern der einzelnen Häuser hingen. Der Ring, wie die Schlesier ihren zentralen Punkt, den Marktplatz stets nannten, war voll mit russischen Panzern und feiernden Soldaten. So auch in Bad Kudowa. Hier und da huschte ein Einwohner durch die Straßen, wie ein Schatten, der dort nichts zu suchen hatte.
Dann war der Krieg zu Ende. Und man wartete weiter die Tage ab, wartete darauf, dass irgendetwas geschah. Ziellos waren die Schlesier, ziellos und planlos. Bis selbst die Tage ihren fortschreitenden, zeitgebenden Charakter verloren und einem lediglich hin und wieder ein Blick auf die beinahe kahlen Bäume verriet, dass der Herbst bereits da war. Bis dahin hatten bereits die Polen die Russen abgelöst und die waren ebenso voller Wut auf die Deutschen wie die Rote Armee. Ab dem Frühjahr 1946 mussten alle Deutschen eine weiße Armbinde mit dem schwarz gefärbten Buchstaben „N“ tragen. Das „N“ stand für „Niemiec“ – Deutscher. Nun waren sie gekennzeichnet und kurze Zeit später wurden sie ausgewiesen. Das Ziel lag irgendwo im Westen.
Anna und der kleine Rest ihrer Familie hatte es ins Münsterland verschlagen. Doch es war nicht das Ziel der hier lebenden Menschen, die Vertriebenen willkommen zu heißen. Und das ließen sie sie spüren, die Taugenichtse aus dem Osten.
Und irgendwann unterwegs, in ihrer sich wandelnden Heimat oder während des Transportes in einem der Viehwaggons, in denen die Leute mit dem N auf der weißen Binde um den Arm steckten, da hatte Anna ihn wohl verloren: ihren Lebensplan, ihr Ziel.
Ärztin zu werden.
Hier war sie nur eins: ein Nichts.
Und sie hatte es noch nicht geschafft, ihr Leben wieder mit irgendeinem Sinn zu füllen. Sie lebte im Nachbardorf von Elfriede und Mutter in einem winzigen Zimmer, in das gerade mal ein Bett, eine Waschschüssel, ein Stuhl und eine Kommode passte. Dafür durfte sie dort im Haushalt helfen. Ihre Hausherren, die keineswegs freiwillig eine Vertriebene aufgenommen hatten, hatten ihr zu verstehen gegeben, dass die kleine Kammer einem Prinzessinnenreich gleichkäme für so einen Habenichts aus dem Osten. Anna dachte an ihr Zimmer, ihr Haus in Schlesien und fand den Prinzessinnenvergleich eher unpassend. Doch immerhin hatten sie eine feste Bleibe, und endlich mussten sie keine Angst mehr haben vor Bombern, Gewehren, Schüssen und Schreien.
Anna seufzte und spürte, dass jemand an ihrem Kleid zupfte. Sie senkte den Blick und schaute in die strahlend blauen Augen ihrer Schwester.
„Sollen wir hier sammeln?“ Elfriede zeigte auf die Blaubeersträucher, die sich um sie herum ausbreiteten. Anna nickte und begann, die Beeren in die blecherne Milchkanne, die sie neben sich gestellt hatte, gleiten zu lassen. Viele Beeren waren noch grün, sie würde ihre große Milchkanne nicht vollkriegen. Die Hochsaison begann erst noch. Doch sie sammelten bereits jetzt, Mitte Juni, alles ein, was sie finden konnten.
Die Vögel zwitscherten und mit leisem Plopp landeten die Beeren in der Kanne. Es war ein gleichmäßiges, ruhiges Geräusch. Annas Gedanken schweiften wieder ab.
Doch dann war da plötzlich dieses Knacken. Und ein Röcheln.
Anna schreckte hoch. Die Blaubeeren fielen neben die Milchkanne und verschwanden zwischen den Blättern und Zweigen eines Strauches.
Auch Elfriede war aufgesprungen. Ängstlich blickte sie zu Anna. Anna suchte den Wald ab. Dann erblickte sie ihn. Keine dreißig Meter von ihnen entfernt hing er an einem Baum.

Elfriede schrie und hielt sich die Ohren zu. Lotte sprang erschrocken davon. Anna rannte los. Lotte hinterher. Sie durfte keine Zeit verlieren.
...

Ich hoffe, ich konnte euch ein wenig neugierig machen. 
Wer den Start und den Einführungspreis des eBooks für 99 Cent nicht verpassen möchte, der abonniert am besten den Klausmüller-Newsletter (in der Web-Ansicht rechts am Rand). 

Bis dahin wird mein Historical-Mystery-Roman aus dem New York der Jahrhundertwende (1900) noch zum Schnäppchenpreis von 99 Cent angeboten. Also: Nix wie klick!

Liebe Grüße
Jamie Craft