"Klausmüller – Ein Esel als Gespenst"





Band 3 des frechen Stoffesels






Leseprobe:

Klausmüller setzt sich durch



„Du darfst auch Vampir sein!“ Große, hoffnungsvolle Klausmüller-Augen blickten hoch zu Joey.
„Ich will kein Vampir sein.“ Joey wandte sich ab und schloss das Gatter zur Weide, in die Klara und er gerade die Pferde gebracht hatten.
„Gespenst!“, rief er und sprang vor Joey auf den Zaun. Für einen Stoffesel, der vor einem Jahr erst zum Leben erwacht war, hatte er eine gute Sprungkraft und Ausdauer im Hartnäckigsein.
„Klausmüller!“ Joey schwenkte das Halfter in seiner Hand gegen den kleinen Esel. „Du nervst.“
Klausmüller duckte sich. „Hexe!“, rief er. „Du wirst Hexe!“ 
Joey kehrte ihm den Rücken zu und ging zusammen mit Klara zurück zur kleinen Scheune, in der die Putzsachen für die Pferde lagerten. Sein entschlossener Gang geriet ins Wanken, als Klara sich äußerte: „Wäre doch vielleicht mal ganz lustig, einen Gruselgang durch den Wald zu machen“, sagte sie.
Joey stöhnte und drehte sich zu ihr um.
Er hatte es gleich gewusst. Klara hätte ihrem Esel nicht ihr Smartphone überlassen sollen, während sie mit den Pferden trainierten. Doch ein bittender Blick aus dunklen Klausmüller-Augen hatte genügt, und schon lag das Smartphone von Klara vor Klausmüller. Und während sie mit den Pferden arbeiteten, bekam Klausmüller viereckige YouTube-Kanal-Augen und einen Halloween-Spleen. Und das mitten im Sommer.
Joey schnappte sich das Handy, das immer noch auf der Bank vor dem Schuppen lag, und reichte es Klara. Als er den Bildschirm berührte, grinste ihn ein leuchtender Kürbis an.
Joey verzog die Mundwinkel. Doch dann hob er seinen Blick und sah direkt in Klaras leuchtende Augen.
„Und wann soll das Ganze stattfinden?“, fragte er.
„Jetzt!“, rief Klausmüller.
„Morgen“, sagte Klara zur selben Zeit und sah zu Klausmüller rüber. „Wie soll denn jetzt so schnell aus Joey eine Hexe werden?“
„Die Nase hat er schon“, fand Klausmüller, „und für den Buckel stopfen wir ihm Emil unters T-Shirt.“ Klausmüller klemmte sich sein Stoffeselbaby zwischen Vorderbein und Brust und begann an Joey hochzuhüpfen. Gleichzeitig versuchte er, Joeys T-Shirt zwischen die Zähne zu bekommen.
„Untersteh dich!“ Abwehrend hielt Joey seine Hände gegen den springenden Esel. „Und ich hab keine Hexennase!“, fügte er hinzu.
Als auch Klara sich gegen einen Emil-Buckel aussprach, beendete Klausmüller seine Hüpferei.
„Okay“, sagte er. „Emil möchte auch gar nicht unter dein T-Shirt. Dein Rücken ist so ekelig felllos.“ Klausmüller nickte.
„Emil ist ein Stofftier“, sagte Joey.
„Ja, eben“, erwiderte Klausmüller. „Er empfindet so wie ich.“ Klausmüller kuschelte Emil in seine Arme und wiegte ihn hin und her.
„Ja, ist klar“, meinte Joey, „das ist ja auch stets Emil, der mit piepsiger Klausmüller-Stimme nach Keksen verlangt.“
Klausmüller nickte erneut, und Klara fand zum eigentlichen Thema zurück.
„Ich nähe etwas Schönes“, sagte sie, „und damit darfst du dich morgen Abend verkleiden.“ Klara schenkte Joey ein Lächeln, das auch Klausmüller auf seine Schnute zauberte. Joey sah es gar nicht. Das Lächeln. Das schöne. Vom Esel.
Der Vierzehnjährige trat einen Schritt näher an das Klaralächeln heran. Ihre Haarspitzen, über die der Wind leicht hinwegstrich, kitzelten ihn am Oberarm. Joey senkte seinen Blick.
„Wenn du mir ein Hexenkostüm schneiderst“, sagte er mit leichtem Grinsen, „dann wickle ich dich darin ein und werfe dich Precious zum Fraß vor.“
Klaras Mundwinkel zogen sich ebenfalls nach oben auseinander.
Klausmüllers Maul ploppte herunter. Er riss die Augen auf:
„Spinnst du?“, rief er und tippte mit dem Vorderhuf an seine Stirn. „Klara passt in so einen kleinen, affigen Hund gar nicht rein.“
Joey verdrehte zum wiederholten Male die Augen. Dann hielt er Klausmüller die Hand aufrecht entgegen. „War ’n Scherz, Kumpel“, meinte er und Klausmüller schlug nach kurzem Zögern mit seinem Huf ein.
„Wir sehen uns morgen“, sagte Joey zu Klara und zupfte seine Baseballkappe zurecht.
„Aber du darfst erst in mein Zimmer kommen, wenn ich mit dem Nähen fertig bin“, sagte Klara.
„Ja, und dann schauen wir mal, wer hier wen erschreckt.“ Joey zwinkerte ihr zu und ging.
Klara und Klausmüller blickten ihm hinterher.
„Aber ich hab doch recht“, meinte Klausmüller. „Wenn er jetzt ‚Tessa‘ gesagt hätte. In so ’nen Bobdings …“
„…tail“, sagte Klara.
„Hä?“
„Es heißt Bobtail.“
„Ja, sag ich doch. In den passt was rein. Aber Tessa frisst dich, glaube ich, nicht. Das würde ich eher Precious zutrauen. Wie gut, dass der nur so ’n kleiner, affiger West Highland White Terrier ist.“
„Wow.“ Klara nickte anerkennend.
„Ja.“ Klausmüller hob seinen Brustkorb ein wenig an. „Ich kenne mich aus.“
Und in der Tat hatte Klausmüller die richtige Hunderasse genannt und auch seine Einschätzung, dass Klara und er nicht zu Precious’ Lieblingsgästen gehörten, entsprach der Wahrheit.
Precious war der Hund von Klaras Großtante Agnes, zu der Klara letztes Jahr zusammen mit ihren Eltern gereist war. Gegen Klaras Willen.
Mein Gott, wie wütend sie gewesen war, als sie erfahren hatte, dass sie hier ihre Ferien verbringen würden. Und dann hatte sie das Abenteuer ihres Lebens erlebt! Klara bekam jetzt noch eine Gänsehaut, wenn sie daran dachte, dass ihr Lieblingspferd Favorit damals entführt worden war.
Und Precious war stets ähnlich giftig wie Tante Agnes. Beiden konnte man am Gesicht ablesen, dass sie weder auf Kinder noch auf Stofftiere standen, wobei Großtante Agnes nicht wusste, wie viel Leben in Klausmüller steckte. Precious wusste das, doch seine Mitteilungen hierüber erschöpften sich in einem simplen „Wau“, zusammen mit leichtem Knurren. Tante Agnes war nicht in der Lage, das richtig zu deuten.
Wie gut, dass sie Joey hier getroffen hatte, dachte Klara jetzt und ein Lächeln huschte über ihre Lippen. Klausmüller deutete das als eine positive Beantwortung seiner Frage, ob sie nicht gleich noch ein paar Kekse essen könnten. Er war daher etwas erbost, als Klara ihm in der Küche von Tante Agnes die Plätzchenpackung wieder aus dem Maul riss mit der Begründung, dass es vor dem Abendessen nichts zu Naschen gäbe.
Immerhin erlaubte sie ihm dann nach dem Abendbrot, die ganze Packung zu leeren und danach auf der Lampe zu schaukeln, was eine seiner Lieblingsbeschäftigungen war. Klara hatte zwar nicht ausdrücklich gesagt, dass er das Gebäck komplett vernichten sollte, doch als es so weit war, schüttelte sie nur kurz mit dem Kopf und kraulte Klausmüller hinter den Ohren. Sie hatte halt zu lange an der Nähmaschine gesessen. Da blieb Klausmüller ja nichts anderes übrig, als Trost in den Knabbereien zu suchen.
„Bist du denn jetzt fertig?“, fragte er. „Wird Joey Hexe? Oder Vampir? Oder Gespenst?“
„Das wirst du morgen Abend sehen.“ Klara zwickte Klausmüller in die graue Eselwange und lachte. „Das wird richtig schön gruselig“, meinte sie.